Der Befreiungsweg

Wer ist der wahre Guru?

Wer ist der wahre Guru?

Wer ist der wahre Guru?

Foto: Sathya Sai Baba als Jugendlicher

Es kostet Zeit und Mühe, bis zum obersten Stockwerk eines hundertstöckigen Gebäudes zu steigen. Ein Fahrstuhl vereinfacht den Aufstieg beträchtlich. Der Führer eines Naturschutzparks kann die Reise durch ein dicht bewachsenes Waldstück erleichtern. Man könnte vielleicht über einen See schwimmen. Aber ein gutes Schiff macht die Reise angenehm und erfreulich.

Der Guru gleicht dem Fahrstuhl, dem Führer durch den Wald und dem Schiff. Er führt uns zu Gott, ins Brahman, dem letztendlichen Ziel. Er hilft uns durch unser Leben hindurch auf angenehme Weise, rettet uns vor den wilden Tieren der selbstsüchtigen Wünsche und vor dem Ertrinken im Meer von Stolz und Besitzgier.

Den Weg nach Kapstadt kann uns nur einer zeigen, der selbst dorthin gereist ist. Auf der spirituellen Reise ist es noch um einiges schwieriger, den Weg zu finden.  Das Gemüt wird uns oft irreführen. Der Guru aber wird uns sagen: „Dieser Weg führt zu Frieden und Freiheit, jener führt in die Bindungen. Dies ist dein Mangel, praktiziere jene Übung, um ihn zu beheben.“ Ohne diese Führung kann es geschehen, dass wir zwar nach Kapstadt reisen wollen, aber in Newcastle ankommen!

Es ist sehr schwierig für uns, unsere Mängel selbst zu finden. Können wir unsere eigenen Augen oder unseren Rücken sehen? Nur der Guru kann unsere Fehler wirklich sehen und sie uns zeigen. Es gibt auch andere, die unsere Mängel erkennen, uns aber nicht darauf aufmerksam machen, da sie befürchten, unsere Freundschaft zu verlieren. Die Liebe des Guru ist von ganz anderer Art. Sie ist auf unser spirituelles Wohlergehen gerichtet. Nur er allein kann uns in Liebe und ohne Ängstlichkeit auf unsere Mängel aufmerksam machen.

Es gibt noch einen anderen wesentlichen Grund, weshalb wir einen Guru brauchen. In seiner Gegenwart sind wir davor bewahrt, in die Irre zu gehen. Die Gesellschaft des Gurus ist Schirm und Schild gegen all die Versuchungen und ungöttlichen Kräfte der Welt. Um dies besser verstehen zu können, wollen wir die Ursachen verschiedener Probleme des Lebens näher betrachten.

Die Ursachen unserer Leiden sind schlechtes Karma, unsere Verwirrung (maya) bezüglich gut und schlecht, unvergänglich und vergänglich, wahr und falsch, und schließlich unser Stolz oder Ego, genauer gesagt: die fälschliche Annahme, wir seien unser Körper.

Die Schwierigkeiten, die uns durch maya entstehen, können wir mit Hilfe eines spirituell entwickelten Menschen, der das, was er sagt, auch lebt, bewältigen. Schließlich haben wir noch die Schwierigkeiten, die uns unser Ego bereitet. Diese Probleme sind die schwierigsten, mit denen ein Mensch konfrontiert ist, denn das Ego ist sehr subtil. Wir können es mit einem Dieb vergleichen, der rennt und ruft: „Fangt den Dieb, fangt den Dieb!“ Wir laufen mit ihm und versuchen, den Dieb zu fangen. Um diese Vortäuschung zu durchschauen, benötigen wir die Hilfe des Gurus.

Wie schafft es der Guru, dass wir die falsche Vorstellung, dass Körper und Gemüt unser Selbst seien, hinter uns lassen können und dass wir begreifen, dass Körper und Gemüt im Selbst, das wir in Wahrheit sind, enthalten sind? Um dieses zu erklären, benutzen die indischen Weisen eine Parabel:

Es geschah einmal, dass ein Jäger eine Löwin auf der Jagd erschoss. Die Löwin war schwanger.  Sie versuchte zu entkommen, gebar ihr Junges und starb. Ein Hirte fand das Junge. Es wuchs in seiner Schafherde auf. Es aß, trank, blökte und fühlte sich wie ein Schaf. Eines Tages sprang ein Löwe in die weidende Schafherde des Hirten. Die Schafe rannten in Panik auseinander. Der Löwe war erstaunt, inmitten der Herde einen anderen Löwen zu sehen, der umher rannte und blökte wie die Schafe. Er näherte sich dem herangewachsenen Löwenjungen und versperrte ihm den Fluchtweg. Der Löwe fragte: „Was machst Du denn hier? Weshalb rennst du davon und blökst vor Angst?“ Das Junge erwiderte: „Ich bin ein Schaf wie alle anderen in dieser Herde. Bitte friss mich nicht auf!“

Der Löwe ahnte, was geschehen war, und erklärte: „Du bist ein Löwe, wie ich einer bin!“ Und er nahm das Junge mit zu einem Teich, um ihm sein eigenes Spiegelbild zu zeigen. Das Junge war groß geworden und besaß eine Mähne. Blitzartig erkannte der Löwe seine Identität. Er war ein Löwe wie der, der es ihm gezeigt hatte. Zum ersten Mal in seinem Leben fühlte er das Feuer des Löwen in sich und stieß ein schreckenerregendes Löwengebrüll aus.

Auf ähnliche Weise zeigt der Sadguru, der Gott ist, den Menschen ihre wahre Identität.

Der Schlüssel zur Freiheit liegt in den Händen des Sadgurus. Wenn er erfreut ist über unsere Aufrichtigkeit und nur auf das eine Ziel gerichtete Hingabe, öffnet er uns die Tore zur Freiheit. Dieser Schlüssel in der Hand des Sadgurus ist göttliche Gnade. Es ist dasselbe wie die Gnade Gottes. Gnade ist untrennbar verknüpft mit Selbsthingabe. Je mehr wir uns dem Sadguru hingeben, desto mehr ziehen wir seine Gnade auf uns. Der Schüler, der sich seinem Sadguru vollständig hingegeben hat, gewinnt seine Gnade ganz leicht.

Wir sollten bei dem Sadguru bleiben. Wenn wir mehrere Gurus für die spirituelle Reise wählen, führt uns das in die Wildnis.

(Quelle: O.P. Vidyakar aus: Spiritual Impressions, Mai-Juni 1998)

 

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