Der Befreiungsweg

Quellen der Weisheit

Quellen der Weisheit

Quellen der Weisheit

Die Suche nach der Wahrheit kann nicht von Erfolg gekrönt sein, wenn man die Veden nur studiert. Das Verlangen, das Wesen Brahmans zu verstehen, das Sehnen nach der Wirklichkeit Gottes, kann das Gemüt nur dann erfüllen, wenn man die entsprechenden Eigenschaften erworben hat.

Unterscheidungsvermögen

Die erste Voraussetzung für eine erfolgreiche Suche nach der Wahrheit ist die Fähigkeit, zwischen dem Vergänglichen und dem Unvergänglichen zu unterscheiden. Mit anderen Worten: Die Erkenntnis, dass nur Atman, die Substanz der Seele, außerhalb der Zeit besteht und dass alle Objekte, die wir mit den Sinnen wahrnehmen, vergänglich sind. Nur der Atman ist keiner Veränderung unterworfen. Er ist die einzige zeitlose Wirklichkeit.

Wünsche und Begierden aufgeben

Die zweite Eigenschaft ist, das Verlangen aufzugeben, hier oder im Jenseits die Früchte unserer Taten ernten zu wollen. Diese Eigenschaft wird auch als Bindungslosigkeit bezeichnet. Man muss sich die Vergänglichkeit von Freude und Leid vergegenwärtigen und erkennen, dass beides nur Strömungen sind, die das Gemüt beeinflussen. Dadurch wird man überzeugt, dass alles, was vergänglich und ständiger Veränderung unterworfen ist, nur Kummer bringt. Als nächstes wird das Gefühl von Freisein von allen Bindungen heraufdämmern. Das bedeutet nicht, Haus und Hof, Frau und Kinder zu verlassen und in der Wildnis Zuflucht zu suchen. Es erfordert nur die Erkenntnis der Vergänglichkeit dieser Welt und als Folge dieser Erkenntnis das Aufgeben der Begriffe „Ich“ und „Mein“.

Die sechs Tugenden entwickeln

Das Dritte ist eine Gruppe aus sechs Tugenden:

  1. Die erste Tugend ist die Beherrschung der Gedanken und Gefühle. Es ist sehr schwer, diese zu erlangen. Das Gemüt kann Fesseln anlegen, es kann aber auch zur Erlösung führen. Es ist eine Mischung aus leidenschaftlichen und trägen Strömungen. Es wird sehr leicht getrübt und hat die Tendenz, die wahre Natur der Dinge hinter Formen und Worten zu verbergen, die seinen Wünschen entsprechen. Es ist deshalb notwendig, die Gedankengänge des  Gemütes zu regulieren.
    Das Gemüt hat zwei charakteristische Eigenschaften. Die eine ist, den Sinnen zu folgen. Welchem der Sinne das Gemüt versklavt ist, spielt keine Rolle. Jede Abhängigkeit öffnet dem Unglück Tür und Tor. Um Wasser aus einem Topf auslaufen zu lassen, muss dieser nicht zehn Löcher haben – eines ist genug! Ebenso ist es mit den Sinnen. Wenn einer davon nicht beherrscht wird, versklavt er den Menschen. Darum müssen alle Sinne unter Kontrolle gebracht werden.
    Die zweite charakteristische Eigenschaft des Gemütes ist, dass seine Kraft durch gute Übungen wie Meditation, Gebet, geistlichen Gesang und Gottesdienst vervielfacht werden kann. Das so gekräftigte Gemüt kann der Welt entweder schaden oder nutzen. Die geistige Kraft, die durch solche Übungen gewonnen wird, muss daher in die richtige Richtung gelenkt werden. Das Prinzip der höheren Intelligenz muss die Sinne leiten. Wenn die Abhängigkeitsbeziehung zwischen den Sinnen und dem Gemüt gelöst wird, kann spiritueller Fortschritt eintreten.
    Das Gemüt ist nichts weiter als ein Bündel von Gedanken, ein Konglomerat von Wünschen und Verlangen. Sobald ein Gedanke, Verlangen oder Wunsch auftaucht, muss die höhere Intelligenz Wert und Berechtigung überprüfen – ist die Regung gut oder schlecht? Wird sie helfen oder schaden? Wohin, zu welchem Ende, wird sie führen? Wenn man sich dieser Prüfung nicht unterzieht, liefert man sich dem Unglück aus. Wenn man dagegen der besseren Einsicht folgt, kann man den richtigen Weg finden.
  2. Die zweite Tugend ist die Beherrschung des Körpers und der Sinne. Diese kann durch nichts anderes als durch spirituelle Übungen erworben werden. Man muss vermeiden, kostbare Zeit mit nutzlosem Zeitvertreib zu vergeuden. Die Sinne und der Körper müssen mit angemessenen, vornehmen Aufgaben betraut werden, sodass sie immer beschäftigt sind. Außerdem sollte jede Handlung dem Wohl anderer dienen.
  3. Die dritte Tugend ist eine geistige Haltung, die über allen jenen Gegensätzen steht, durch die die Menschen normalerweise erregt und beeinflusst werden, wie Freude und Kummer, Gefallen und Missfallen, gut und schlecht, Lob und Tadel. Diese im Allgemeinen alles dominierenden Regungen können durch spirituelle Disziplinen aufgehoben und überwunden werden. Wer darauf achtet, dass er im täglichen Leben von den äußeren Verhältnissen nicht beeinflusst wird und nicht in eine Abhängigkeit zu ihnen gerät, der kann inneren Gleichmut finden.
    Betrachtet die Welt nicht mit einem weltlichen Auge, seht sie mit dem spirituellen Auge  als eine Projektion des Göttlichen Bewusstseins.  Dann könnt ihr die Grenzen des Dualismus überschreiten und in die Region des Einen vordringen. Infolge der Formen und Namen, die vom Menschen der Einheit überlagert werden, wird diese als Vielheit gesehen.
    Die in den Veden beschriebenen heiligen Riten und zeremoniellen Opferhandlungen führen nicht zur Erlösung von Geburt und Tod. Sie helfen nur, das Bewusstsein zu läutern. Es wird gesagt, dass sie den Menschen ins Himmelreich führen. Aber auch dieser Himmel  ist nichts anderes als eine Illusion, die zur Bindung führt. Er gewährt nicht die ewige Freiheit.

Die Freiheit, durch die man die Wahrheit der eigenen Wirklichkeit erkennt, kann nur dadurch gewonnen werden, dass man einem Sadguru, einem Spirituellen Meister,  folgt, über Seine Lehren nachdenkt und über ihren Wert und ihre Bedeutung meditiert. Nur für jene, die sich selbst von allen Wünschen freigemacht haben, werden die Worte des Gurus eine Hilfe sein. Anderen werden sie gar nichts sagen.

  1. Die vierte der sechs Tugenden umfasst Geduld und Nachsicht, die einen unbeteiligt bleiben lassen, wenn man unter der Undankbarkeit und Schlechtigkeit anderer zu leiden hat. Durch das Wissen, dass alles, was man erdulden muss, das Ergebnis des eigenen Handelns ist, das auf uns zurückfällt, kann man ruhig und fröhlich bleiben und die, die einem Leid zufügen, als Freunde und Wohltäter betrachten. Man wird keine Vergeltung üben und ihnen nichts Böses wünschen, sondern alle Unbill geduldig und freudig ertragen.
  2. Die fünfte Tugend ist ein unerschütterlicher Glaube in die Heiligen Schriften und die darin festgelegte Ordnung, ebenso wie in die eigene göttliche Wirklichkeit und in den Sadguru, den Spirituellen Meister. Der Meister muss verehrt werden, denn Er zeigt den Weg zur Selbstverwirklichung. Die Heiligen Schriften zeigen den Weg zu Frieden und Wohlstand in der Welt und zur spirituellen Vervollkommnung. Sie setzen dieses große Ziel und sie zeigen den Weg, wie es zu erreichen ist. Der Sadguru seinerseits hat nur die eine Aufgabe, die Menschen über den einen Atman, über die allem innewohnende Göttliche Urenergie aufzuklären. Dem, der fest daran glaubt, wird Weisheit als Lohn zuteil.

  1. Die sechste Tugend ist, unerschütterlich davon überzeugt sein, dass das, was der Sadguru lehrt und was die Heiligen Schriften enthalten, ein und dasselbe ist. Die einzige Bindung, die der, der den spirituellen Fortschritt sucht, haben darf, ist die Bindung an das unwandelbare, universale Bewusstsein. Das einzige Ziel seines Handelns sollte es sein, Gefallen in den Augen Gottes zu finden. Er muss bedingungslos glauben, dass alle Lebewesen Manifestationen Gottes sind. Deshalb ist es notwendig, allen Lebewesen die gleiche Achtung entgegenzubringen. Dies ist für das Bemühen um spirituellen Fortschritt von unschätzbarem Wert.

Auszüge aus:Quellen der Weisheit (Sutra Vahini)von Sathya Sai Baba (4. Aufl. 1996)

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