Der Befreiungsweg

Mantrameditation zur Gemütskontrolle

Gertrud Perach bei der Mantrameditation

Swami Narayananda: Das Geheimnis der Gemütskontrolle

Das Gemüt ist etwas sehr Subtiles. Es hat weder eine eigene Farbe noch Form, nimmt aber die Farbe und Form des Gegenstandes an, an den wir denken. Ein Wunsch lässt einen Gedanken aufkommen, und ein Gedanke wiederum wird zur Tat. Wir sind, was unsere früheren Wünsche, Gedanken und Taten aus uns gemacht haben. Was wir in der Vergangenheit in Form von Wünschen, Gedanken und Taten gesät haben, das ernten wir jetzt. Jeder Ursache folgt ihre Wirkung, und jedes Tun trägt seine Früchte. Dies kann nicht vermieden werden. Was wir Schicksal nennen, ist nichts anderes als die Auswirkung dessen, was sich als Folge früherer Wünsche, Gedanken und Handlungen angesammelt hat. Wir selbst sind verantwortlich für unser gegenwärtiges Glück oder Unglück, unseren Erfolg oder Misserfolg.

Wünsche und die drei Ebenen des Gemütes

Bei einem gewöhnlichen Sterblichen arbeitet das Gemüt von drei Ebenen aus, von der bewussten, der unterbewussten und von der unbewussten Ebene, während das Gemüt eines Menschen, der Nirvikalpa Samadhi erreicht hat, von der überbewussten Ebene aus arbeitet. Die vorherrschenden Wünsche und Gedanken, d.h. jene Wünsche und Gedanken, die man gern hat, zu denen man sich am meisten hingezogen fühlt, und die einem im Laufe des Tages ständig in den Sinn kommen, liegen auf der bewussten Ebene des Gemütes. Unwichtige Wünsche und Gedanken verharren eine Zeitlang auf der unterbewussten Ebene; werden sie jedoch nicht ins Gedächtnis zurückgerufen, so sinken sie auf die unbewusste Ebene hinab. Wenn man sich einer früheren Begebenheit, eines Vorfalls, eines Wunsches, Gedankens usw. erinnert, so kommen Dinge, die einem ohne tiefes Nachdenken einfallen, von der bewussten Ebene des Gemütes, und all jene, die etwas tieferes Nachdenken erfordern, von der unterbewussten Ebene. Es gibt auch andere frühere Ereignisse und Begebenheiten, die einem nicht einfallen, selbst wenn man sich stunden- und tagelang bemüht, sie ins Gedächtnis zurückzurufen. Dennoch sind solche früheren Wünsche, Gedanken und Handlungen nicht für immer vergessen; sie sinken lediglich auf die unbewusste Ebene des Gemütes hinab und verweilen dort in ihrem kausalen Zustand im Gemüts-Reservoir (Chitta). So liegt also auf der unbewussten Ebene unseres Gemütes ein unermesslicher und der weitaus größere Teil unserer Erfahrungen (und zwar nicht nur die unseres jetzigen Lebens, sondern auch die aus früheren Inkarnationen). Wir nennen diese Ebene die unbewusste Ebene, weil ein gewöhnlicher Sterblicher sich dieses unermesslichen Reichtums an Wissen nicht bewusst ist. Nur ein Yogi, der Nirvikalpa Samadhi erreicht hat, kommt in den Besitz dieses unermesslichen Wissens auf der unbewussten Ebene des Gemütes. Für ihn gibt es keine unbewusste Ebene. Da er von der überbewussten Ebene aus arbeitet, hat er leicht Zugang zu der ganzen Fülle des Wissens.

Wie Gedanken zu unserem Charakter werden

Charakter ist nichts anderes als ein Bündel von Gewohnheiten. Wiederholt man einen Wunsch, einen Gedanken oder eine Handlung sehr oft, werden sie zur Gewohnheit. So sind es sehr viele Gewohnheiten, die den Menschen formen. Im Laufe unserer täglichen Arbeiten vermitteln wir dem Gemüt ungezählte Eindrücke in Form von Wünschen, Gedanken und Handlungen. Wenn uns irgendetwas besonders gefällt, wenn wir es lieben und an ihm hängen, so vermitteln wir dem Gemüt einen sehr starken Eindruck von diesem Gegenstand. Das Gemüt beginnt dann, sich ständig mit diesen Wünschen und Gedanken zu beschäftigen. Mit anderen Worten, das Gemüt nimmt die Form und Farbe dieses Gegenstandes an. Auch wenn wir eine tiefe Abneigung gegen irgendetwas haben, wenn wir uns davor fürchten oder uns davon freimachen möchten, vermitteln wir dem Gemüt einen starken Eindruck davon. Ist unsere Zuneigung oder Abneigung nur gering, so geben wir dem Gemüt nur einen schwachen Eindruck. Wenn wir aber weder Zuneigung noch Abneigung hegen und von den Wünschen, Gedanken oder Handlungen unberührt bleiben, so geben wir dem Gemüt nur einen unbestimmten Eindruck.

Yoga bringt das Gemüt zur Ruhe

Yoga bedeutet Chitta-Vritti-Nirodha (Befreiung des Chitta von allen Eindrücken). Wenn alle Wünsche jeglicher Art verschwinden, und wenn die verschiedenen Sinne und das Gemüt ruhig, still und gelassen sind, erreicht man das Yoga-Stadium. Was Wellen und Wogen für die stille Wasseroberfläche des Meeres sind, das sind Wünsche und Gedanken für die Ruhe und Klarheit des Gemütes. Die Wünsche sind es, die das Gemüt hellwach halten, und Wünsche sind es auch, die seine Kräfte zersplittern. Wie schon gesagt, befinden sich auf der bewussten, der unterbewussten und unbewussten Ebene des Gemütes unzählbare Wünsche. Nur wenn alle diese schwelenden, verborgenen und unterdrückten Wünsche aufgegeben und ausgelöscht werden, kann das Gemüt zu Reinheit, Klarheit und Konzentration gelangen. Dieses Freimachen von Wünschen ist eine mühselige Aufgabe. Es ist nicht in einem Tage getan. Für viele ist es ein lebenslanges Bemühen. Doch kommt man nicht darum herum, es irgendwann einmal in Angriff zu nehmen, ob früher oder später, entweder in diesem oder in späteren Leben. Ohne vollkommene Beherrschung und Überwindung der Wünsche kann man weder hier noch in weiteren Leben wirklichen Frieden erwarten.

Mantrameditation hilft, das Gemüt zu kontrollieren

Japa-Mala mit 108 Perlen für die Mantrameditation

Der leichteste und zugleich auch der wirksamste Weg, das Gemüt rein, klar und konzentriert zu machen, ist die Mantrameditation (die ständige Wiederholung des Mantra oder Mantra-Jap). Die vielerlei Wünsche und Gedanken sollte man dazu bringen, dem einen, für unseren Entfaltungsweg ausschlaggebenden Wunsch und Gedanken Platz zu machen. Das Mantra ist es, von dem das Gemüt Tag und Nacht erfüllt sein sollte. Beim Essen, Trinken, Gehen und selbst im Schlaf sollte man das Mantra in Gedanken unaufhörlich wiederholen. Man sollte das Mantra beim Ein- und Ausatmen und bei jedem Herzschlag mitschwingen lassen. Wenn man dies durchführt, kann man das Gemüt leicht kontrollieren, und all die vielgestaltigen Wünsche verschwinden von selbst. Je öfter man das Mantra wiederholt, umso mehr Nutzen hat man davon und umso mehr kommt man geistig voran. Jedes Mal, wenn man das Mantra spricht, gibt man der bewussten, unterbewussten und unbewussten Ebene des Gemütes von neuem einen guten Eindruck. Und durch diesen Prozess werden Gemüt und auch Chitta (das Reservoir des Gemütes) langsam aber sicher eine Wandlung zum Besseren erfahren. Das Gemüt wird völlig von der Bedeutung und der Form des Mantra ausgefüllt. In jedem Mantra liegt eine gewaltige Kraft. Zwischen dem Mantra und der Mantra Devata (dem Gott oder der Göttin des Mantra) ist kein Unterschied. Mit der Wiederholung des Mantra kommt auch die Kraft des Mantra (die Mantra Shakti) zur Wirkung. Und so strömt bei einer ständigen Wiederholung des Mantra die Kraft des Mantra in Gemüt und Körper des Übenden ein. Mantra-Jap reinigt den Körper, die Nadis (die Nerven) und das Gemüt. Diese dreifache Reinigung erleichtert das Aufsteigen der Kundalini Shakti von Muladhara zu Sahasrara, und damit ist der Weg zur Befreiung geebnet.

Durch Mantrameditation erreicht man Reinheit und Konzentration

Wenn wir übrigens unserem Gedächtnis ein Wort, einen Satz, ein Gedicht oder irgendeine Schriftstelle einprägen wollen, so tun wir Folgendes: wir wiederholen dasselbe Wort oder den gleichen Satz sehr oft und denken immer wieder daran. Dadurch rufen wir in Gemüt und Chitta einen starken Eindruck hervor. Wenn wir an einem bestimmten Tag etwas Wichtiges zu erledigen haben, so prägen wir uns das Datum wieder und wieder ein und vermitteln damit dem Gemüt und dem Chitta einen starken Eindruck vom Datum und von dem, was wir zu tun haben. Dieser starke Eindruck ermöglicht es uns, das Datum und unser Vorhaben nicht zu vergessen. Ähnlich wirkt die ständige und in tiefem Glauben und mit starkem Gefühl ausgeführte Wiederholung des Mantra in wunderbarer Weise auf das Gemüt ein, und es dauert nicht lange, so wandelt es sich und gelangt zu Reinheit, Subtilität und Konzentration. Kurz gesagt, man erreicht Yoga und wird zum Yogi.

Der Sadguru Sri Kanti Parshuram

Ein Sadguru vergibt geheime Gurumantras

Ein Mantra ist der spezielle Name der Gottheit (der Ishta-Devata), die man gewählt hat, d.h. des Gottes oder der Göttin, die man am meisten schätzt, liebt oder verehrt, oder das man von einem Sadguru als geheimes Gurumantra erhalten hat. Zweifellos ist Gott nur Einer. Er ist Unpersönlich und Unendlich. Doch offenbart Er Sich unter vielerlei Namen und in unendlicher Vielgestaltigkeit entsprechend dem Geschmack und den Neigungen derer, die Ihn anbeten und verehren. Zur Hingabe neigende Menschen verehren Gott gern in Gestalt bestimmter Götter und Göttinnen. Im Übrigen gibt es sehr viele kosmische Energien, die als Götter und Göttinnen unter dem höchsten Willen Gottes wirksam sind.

Das Mantra ist wie eine scharfe Rasierklinge

Wie ein Monarch in der materiellen Welt viele Minister und Verwalter hat, die ihm helfen, die Regierungsgeschäfte zu erledigen, so gibt es auch viele kosmische Energien, die das Universum regieren, und die man Devatas (Götter und Göttinnen) nennt. Oft haben die Menschen eine Vorliebe für eine dieser Gottheiten und nehmen sie an als ihre Ishta-Devata (als erwählte Gottheit). Der Name dieser gewählten Gottheit wird zum Ishta-Mantra. Meistens werden dieses Mantra und die Ishta-Devata vom Guru (geistigen Lehrer) oder dem Sadguru (Spirituellen Meister) entsprechend dem Geschmack, der Neigung und der geistigen Reife des Schülers ausgewählt, und unter Anleitung des Guru verehrt nun der Schüler in tiefem Glauben und mit voller Hingabe die Gottheit und wiederholt das Mantra, d.h. er übt sich täglich in Mantra-Jap. Da in jedem Mantra eine gewaltige Kraft (Mantra Shakti) liegt, hilft es dem Menschen zu seiner Befreiung, wenn er es in rechter Weise anwendet; und es bewirkt das Gegenteil, wenn es zu Bösem verwandt wird. Es ist wie eine scharfe Rasierklinge. Handhabt man sie vorsichtig, so hilft sie einem, sich sauber zu rasieren; geht man jedoch ungeschickt und unvorsichtig mit ihr um, so schneidet man sich und kann sich damit sogar umbringen. Zwischen Gott und Seinem Namen gibt es keinen Unterschied. Durch beständiges Denken an Gott und Seine Macht und Herrlichkeit und durch eine ununterbrochene Wiederholung Seines Namens (des Mantra) nimmt das Gemüt eine göttliche Form an und erfährt eine ständige Wandlung, indem es unendliche Kraft, Reinheit und Eigenschaften der Mantra-Devata (der Gottheit des Mantra) entwickelt. Dies erklärt, weshalb man sagt, dass der Kenner Brahmans selbst zu Brahman wird. Wenn das Gemüt rein und heilig wird, so beginnt es von selbst, in Brahman (im höchsten Sein oder in Gott) zu leben und eines mit Ihm zu werden. Mantra-Jap ist darum eine der einfachsten, zuverlässigsten, exaktesten, wirksamsten und ungefährlichsten Methoden, das Gemüt in seiner Gesamtheit zusammen mit dem Chitta zu läutern, um durch die gewonnene Subtilität zur Konzentration zu gelangen und schließlich mit dem Erreichen von Samadhi Befreiung zu finden. (Aus: „Das Geheimnis der Gemütskontrolle“ von Swami Narayananda/Rishikesh 1954

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